Wir nehmen Abschied

Kurt Götze – ein Flieger aus Leidenschaft

 

 

 

 

Ein Leben konnte turbulenter kaum sein. Was war er für ein Mensch, was zeichnete ihn aus? Ich schätzte seine unbändige Liebe zum Fliegen, seine Zielstrebigkeit, Verlässlichkeit, Entschlossenheit, seine Beharrlichkeit und auch die Liebe zum Leben und wie er als „Gebrannter“ den Krieg mit all seinen Schrecklichkeiten hasste.

Er wurde am 27. Juli 1922 in Dresden geboren. Bereits in seiner Kindheit träumte er vom Fliegen. Er bastelte seine ersten Gleiter, aus Papier, Wellpappe mit Draht verstärkt und entwickelte selbst Drachen, die er verkaufen und sich somit den Modellbau finanzieren konnte. Am nahegelegenen Flugplatz auf dem Dresdner Heller weilte er schon als Schuljunge, beobachtete das fliegerische Treiben und machte sich mit kleinen Hilfsdiensten nützlich. Und eines Tages wurde seine Hilfe belohnt und er durfte das erste Mal mit einer „Klemm“ mitfliegen. Von diesem Moment gab es keinen anderen Berufswunsch mehr. Er wollte Flieger werden!

Mit 14 Jahren war er bereits beim DLV aktiv, baute Modelle und wurde Segelflieger. Mit 15 machte er auf dem Heller seine ersten Rutscher. Es folgten Flüge zur A, B und C sowie der Erwerb des Luftfahrerscheins Klasse 1. 1941 wurde er eingezogen. Seine vierjährige Lehre als Orthopädietechniker konnte er vorzeitig mit der Gesellenprüfung abschließen, aber sein Ingenieur-Abendstudium an der Technischen Lehranstalt Dresden leider nur als Techniker. Auf Grund seiner Vorkenntnisse und Erfahrungen als Segelflieger kam er zur Lastenseglerausbildung auf die Reichssegelflugschule Grunau im Riesengebirge. Da jedoch Motorpiloten dringend gesucht wurden, kam Kurt Götze zum Fluganwärter-Bataillon II nach Straubing und danach auf die A/B Flugzeugführerschule 13 nach Pilsen. Durch seine segelfliegerischen Erfahrungen bereitete ihm die Ausbildung keinerlei Probleme. Hinzu kam, dass er einen hervorragenden Fluglehrer hatte. Es war der spätere Planungsminister der DDR Gerhard Schürer. In rascher Folge wurde er auf verschiedene Flugzeugtypen umgeschult. Zunächst flog er 1943 Einsätze an der Kanalküste in Frankreich. Nach der Umschulung auf Fw-190 kam er 1944 als Schlachtflieger an die Ostfront. Hier wurde er dreimal abgeschossen und geriet beim letzten Luftkampf 1945 über Budapest in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nur durch glückliche Zufälle überlebte er. Überlebenswille gepaart mit Beharrlichkeit, Entschlossenheit, Mut und dem wichtigen Quäntchen Glück gelang ihm mit seinem Kameraden eine spektakuläre Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager Focsani an der rumänisch-sowjetischen Grenze. 

Als er im Oktober 1945 nach Deutschland zurückkam, widmete er seine ganze Kraft dem Wiederaufbau seiner zerstörten Heimatstadt Dresden. Seine Fachkenntnisse als Orthopädie-Fachmann waren gefragt. Er qualifizierte sich zum Meister und Lehrer, ohne dabei seine geliebte Fliegerei aus den Augen zu verlieren. Er gründete die erste Modellfluggruppe in Dresden. Im gleichen Jahr verfasste er ein Schreiben an den Zentralrat der FDJ mit der Bitte, sich beim Kontrollrat der Besatzungsmächte dafür einzusetzen, dass der Segelflugsport wieder zugelassen wird, dem auch 1951 nach langen Debatten stattgegeben wurde.

Mit Erfolg setzte er sich auch für den Beginn der Segelflugzeugproduktion ein. 1950 wurde in Schmiedeberg/Erzgebirge mit dem Bau von SG 38 und Baby IIb begonnen. Bereits im Februar 1952 fand der erste Segelfluglehrgang in Schönhagen bei Trebbin  statt. Dort wurde ihm der Luftfahrerschein mit Lehrberechtigung Nr. 1 zuerkannt. Im gleichen Jahr wurde er Schulleiter an der Segelflugschule Laucha. Dort stellte er seine beiden Dauerflug-Rekorde über 24 h 5 min (1952) und 26 h 7 min (1954) auf. Seine Segelflugleistungen krönte er mit der Gold-C mit zwei Diamanten. Zwischen 1956 und 1970 nahm er an zahlreichen Segelflug- und Motorflugwettbewerben teil. Parallel zu seiner Tätigkeit als Schulleiter testete er in seiner Freizeit fast alle neu gebauten Segelflugzeuge.

Weil in Laucha auf Anweisung der GST-Führung vormilitärische Lehrgänge durchgeführt wurden, verließ der begeisterte Flieger schweren Herzens die Flugschule Laucha und nahm seine neue Tätigkeit im VEB Apparatebau Lommatzsch, einem Zweigbetrieb der Flugzeugwerke Dresden, als Testpilot auf. Die meisten in Lommatzsch entwickelten und gebauten Segelflugzeuge erprobte er, wie die berühmten „Libellen“ in ihren mehreren Varianten, den Doppelsitzer  „Lehrmeister“ in 2 Varianten und auch den „Favorit“, der in einer neuen Sperrholzschalen-Wabensandwich-Bauweise hergestellt wurde. Durch seine unermüdliche mit Begeisterung getragenen Tätigkeit leistete er einen beachtlichen Beitrag zur technischen Entwicklung des Segelflugzeugbaus und des Flugsports in der DDR. Anfang der 60er Jahre wurde er beauftragt, die DDR-Segelflugzeug-Lieferungen nach Syrien und Ägypten als Vorführ- und Einweisungspilot zu begleiten.

Nach der Wende engagierte er sich wieder für den Flugsport in Sachsen. Neben dem Segelflug begeisterte er sich für den Ultraleicht-Flug. (Ich hatte das Vergnügen, mit ihm in seiner „Mistral“ den 10 001. Start in seinem langen Fliegerleben machen zu dürfen!).  In seiner ehemaligen Wirkungsstätte Laucha setzte er sich für den Erhalt und die Nutzung des Flugplatzes, vor allem für die Luftsportjugend des DAeC  ein.

Seit 1993 war er Mitglied der Traditionsgemeinschaft „Alte Adler“ – eine Anerkennung seiner besonderen Verdienste für den Flugsport unseres Landes. Zahlreiche Auszeichnungen und Würdigungen zeugen von seinem unermüdlichen Wirken für den deutschen Flugsport. Nebenbei schrieb er ein umfangreiches, längst vergriffenes Buch über sein bewegtes und ereignisreiches Fliegerleben. Selbst in den letzten Jahren, als er kein Medical mehr hatte, war ihm kein Weg zu weit, um in die Luft zu kommen. Fliegen war sein Leben.

Am 16. September trat er seinen letzten Flug an. Wir werden ihn immer in bester Erinnerung behalten.

 

Monika Warstat